ANDREAS UND SEBASTIAN ESTNER ANALYSIEREN IHRE SAISON UND KARRIEREPLANUNG

„Ohne Top-Auto kommt man nicht weiter“

Die Rennfahrer Andreas und Sebastian Estner aus Wall konnten in der Euroformula Open durchaus auf sich aufmerksam machen. Im Interview blicken sie auf die Saison zurück - und sprechen über Mick Schumacher.



Wall – Eine ganz und gar außergewöhnliche Saison liegt hinter Andreas (20) und Sebastian Estner (18). Wie die beiden Rennfahrer aus Wall ihre Auftritte im Euroformula Open beim Van Amersfoort Team einschätzen, wie sie ihre Karriereplanung fortführen und warum echte Chancengleichheit im Motorsport schon in den Nachwuchsklassen quasi Utopie ist, erklären die beiden Kfz-Mechatroniker im Online-Interview mit unserer Zeitung.


Andreas, Sebastian, habt Ihr am Sonntag Formel 1 geschaut?

Andreas Estner: Klar!


Was für ein Rennen von Hamilton-Ersatzmann George Russell, oder? Ist es wirklich so leicht, um den Sieg zu fahren, wenn man in einem Top-Auto wie dem Mercedes sitzt?

Andreas Estner: Ein Automatismus ist es sicher nicht. George Russell ist schon kein

Schlechter. Der hat als Rookie die Formel 3 und Formel 2 gewonnen.


Mit Mick Schumacher hat auch ein Weggefährte und Konkurrent von Euch den Sprung in die Formel 1 geschafft. Verdient?

Sebastian Estner: Ich will ehrlich sein: In der Formel 2 gibt es schon den einen oder anderen Fahrer, der es mindestens genauso sehr verdient hätte, diese Chance zu bekommen. Aber der Name Schumacher zieht eben. Und wenn das Sponsorengeld da ist, wird vieles leichter. Auch der Titel in der Formel 2.


War das im Euroformula Open (EFO) so, in dem Ihr heuer unterwegs wart? Da hat der Chinese Yifei Ye ja fast alles gewonnen.

Andreas Estner: Er ist ein super Fahrer, aber man muss schon auch sagen, dass er in einem technisch überlegenen Auto gesessen ist.

Sebastian Estner: Es ist kein Zufall, dass oft fünf Autos von Motopark (Yifei Ye’s Team Cryptotower gehört zu Motopark, Anm. d. Red.) ganz vorne in der Startaufstellung gestanden sind. Vor allem auf Hochgeschwindigkeitsstrecken waren wir zu langsam. Und wenn wir dann mal vorne dabei waren, hatten wir oft Pech und wurden abgeräumt.

Andreas Estner: Corona hat uns einiges erschwert


Trotzdem habt Ihr die Saison auf Meisterschaftsplatz drei und zehn abgeschlossen. Zufrieden?

Andreas Estner: Schon, ja. Bis auf den Durchhänger in der Saisonmitte, wo wir auf schnellen Strecken einfach zu wenig Motorleistung hatten, haben wir uns ordentlich geschlagen. Man muss ja auch sehen, dass uns die Corona-Pandemie vieles erschwert hat.


Inwiefern?

Sebastian Estner: Das Hauptproblem war, dass wir kaum mehr zu unserem Team nach Holland fliegen konnten, um dort im Simulator zu testen. Anders als manch anderer Fahrer arbeiten wir während der Saison ganz normal im Unternehmen unserer Eltern. Da war es uns zu riskant, uns ins Flugzeug zu setzen. Wenn da einer Covid-19 gehabt hätte, wäre im schlimmsten Fall unser Betrieb wegen Quarantäne stillgelegt worden. Das können wir uns nicht leisten. Also sind wir überall mit dem Auto hingefahren.


Zu zweit?

Sebastian Estner: Ja. Während andere Fahrer entspannt an die Rennstrecke gekommen sind, hatten wir eine mehrstündige Autofahrt in den Knochen. Das macht schon einiges aus.


Waren auch bei Euch Corona-Tests notwendig wie in der Formel 1?

Andreas Estner: Vom Veranstalter aus gab es keine generelle Pflicht, aber einige Rennstreckenbetreiber haben einen negativen Test gefordert. Den konnten wir aber daheim machen, insofern war das relativ unkompliziert.


Stichwort unkompliziert: Gilt das auch für Eure Planung für 2021?

Andreas Estner: (lacht) Leider nicht. Da wissen wir aktuell noch nicht, wie es weitergeht.

Sebastian Estner: GT-Bereich eine Option


Gibt’s zumindest eine Richtung? Oder einen Wunsch?

Sebastian Estner: Der Traum wäre natürlich ein Cockpit in der FIA Formel 3 bei einem Top-Team. Das ist aber ohne Sponsoren quasi unbezahlbar. Und in einem schwächeren Auto braucht man da eigentlich nicht antreten, weil alle nur auf die Top 10 im Klassement schauen. Wenn man da nicht regelmäßig auftaucht, wirft das eher ein schlechtes Bild auf einen als Fahrer.


Im Euroformula Open seid Ihr vorne mitgefahren. Wäre es da nicht gut, noch eine Saison anzuhängen und um den Meistertitel zu fahren? Jack Aitken, der letzten Sonntag sein Formel-1-Debüt im Williams gegeben hat, kann auch zwei Siege im EFO vorweisen...

Andreas Estner: Wenn man ehrlich ist, nutzen die meisten Fahrer das EFO nur als Zwischenstation. Der Weg in ganz nach oben führt eigentlich ausschließlich über die FIA Formel 3 und Formel 2.


Habt Ihr darüber nachgedacht, vielleicht eine andere Richtung im Motorsport einzuschlagen? Etwa im Tourenwagen- oder GT-Bereich?

Sebastian Estner: Von GT-Teams haben wir immer wieder mal Anfragen bekommen. Da sind Formel-Fahrer sehr beliebt, weil die als sehr feinfühlig gelten. Normalerweise fängt man da in der Amateurklasse an und schaut dann, dass man es in die Pro schafft.


Hand aufs Herz: Wie weh tut es da, wenn man sieht, dass Andreas’ ehemaliger Teamkollege in der FIA Formel 3, Yuki Tsunoda, als künftiger Stammfahrer beim Alpha-Tauri-Formel-1-Team gehandelt wird?

Andreas Estner: Ich sehe das ganz entspannt. Yuki ist ein super Fahrer. Der hat in seiner Heimat Japan viel gewonnen. Dadurch sind Red Bull und Honda auf ihn aufmerksam geworden und haben ihn unterstützt. So ist er schon früh ein Vollzeit-Rennfahrer geworden, konnte viel mehr im Simulator und auf der Strecke testen als ich. Im Motorsport ist es sehr wichtig, dass schon in der frühen Phase der Karriere alles passt, dass man die richtigen Entscheidungen trifft. Das war bei uns rückblickend leider nicht immer der Fall.


Warum?

Andreas Estner: Na ja. Erst mal haben wir erst mit 13 so richtig zum Kartfahren angefangen, andere machen das schon mit sechs. In der Formel 4 haben wir dann auf ein Team gesetzt, das unsere Erwartungen leider nicht erfüllt hat. Und so ist es halt: Wenn man nicht gleich die Top-Ergebnisse abliefert, wird es immer schwerer, nach oben zu kommen.


Trotzdem klingt Ihr nicht traurig oder frustriert.

Sebastian Estner: Wir sind die erste Generation, die in unserer Familie Motorsport betreibt. Da ist es ganz normal, dass einem die Erfahrung fehlt und dass man nicht immer gleich alles richtig macht. Außerdem haben wir beide einen Beruf erlernt und arbeiten darin.


Und das erfolgreich, oder?

Andreas Estner: Ich denke schon. Ich mache gerade meinen Meister als Kfz-Mechatroniker und studiere Betriebswirtschaft und Unternehmensführung.

Sebastian Estner: Und ich stecke gerade in der Gesellenprüfung und hab mich auch schon für die Meisterschule angemeldet.


Bleibt Ihr beide auch beruflich ein Team, sprich im Betrieb Eurer Eltern?

Andreas und Sebastian Estner: (lachen) Schauen wir mal, wie lange das gut geht.


Und Formel-1-Fans bleibt Ihr auch?

Andreas und Sebastian Estner: Auf jeden Fall! Wenn Corona vorbei ist und wieder Zuschauer an die Strecke dürfen, sind wir sicherlich mal wieder live dabei.


Text: Sebastian Grauvogl

Miesbacher Merkur

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